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Alles vergessen - und nichts dazu gelernt!? 14.5.2007

© Dr. Günter Nöll - Die Kohldistel (Cirsium oleraceum) war lange Zeit ein beliebtes Wildgemüse, verkam aber mit dem Auftauchen "raffinierter" Nahrungsmittel zum Arme-Leute-Essen.© Dr. Günter NöllDie Kohldistel (Cirsium oleraceum) war lange Zeit ein beliebtes Wildgemüse, verkam aber mit dem Auftauchen "raffinierter" Nahrungsmittel zum Arme-Leute-Essen.

Alles vergessen - und nichts dazu gelernt!? 14.5.2007

Die Kohldistel (Cirsium oleraceum) war lange Zeit ein beliebtes Wildgemüse, verkam aber mit dem Auftauchen "raffinierter" Nahrungsmittel zum Arme-Leute-Essen.
Am Mo 14.05.2007
Vielleicht erinnern Sie sich noch an den sympathischen Kalahari-Buschmann N!xau aus den beiden Filmen "Die Götter müssen verrückt sein!" I/II : immer ein freundliches Lachen im Gesicht rennt er barfuss fast mühelos stundenlang unter sengender Sonne durch den ausgedörrten Busch, in dem es keinen Tropfen Wassers zu geben scheint. Doch er liest in der Landschaft wie wir in einer Zeitung lesen, gräbt zielsicher nach Knollen, aus denen er das lebensnotwendige Nass presst oder pflückt sich ein paar Nüsse und findet - sozusagen im Vorbeilaufen - Käfer oder Larven, mit denen er seinen Hunger stillt. Filmromantik oder wirklich aus dem Leben gegriffen?

Jener Kinospaß, bei dem die Errungenschaften unserer Zivilisation gegenüber einem Leben in engster Verbindung mit der Natur so gar nicht gut weg kamen, nahm in der Realität ein böses und trauriges Ende! In nur wenigen Jahrzehnten - die Filme sind nunmehr auch schon über 25 Jahre alt - hat unser "weißer" Fortschritt die Lebensform dieser ältesten Bewohner Südafrikas ausgelöscht, Bürgerkriege und die umliegenden Bantu-Viehzüchter taten ein übriges.

Dennoch: der Film zeigt Menschen einer steinzeitlichen Nomadenkultur, die es tatsächlich so einmal gegeben hat! Kurioserweise leisteten - sozusagen 5 vor 12 - Anthropologen und Ethnologen ganze Arbeit, so dass die Kalahari-Buschleute heute mit zu den bestuntersuchten "Primitiven" gehören. Und dabei kam im Hinblick auf unsere westliche Hoch-Zivilisation erstaunliches zutage:

Diese für ihr sanftes und freundliches Wesen bekannten Jäger und Sammler waren keineswegs den ganzen Tag nur mit Nahrungssuche beschäftigt, sie hatten sogar wesentlich mehr Freizeit als wir und - vielleicht deshalb - ein glücklicheres Sozial- und Familienleben (und wohl auch noch ein ausgeprägteres spirituelles Bewusstsein). Gewalt und Verbrechen, wie wir sie kennen, waren bei ihnen unbekannt. Ihre Kinder schlugen sie nie, wenngleich es unter den Kindern selbst natürlich immer wieder zu Aggressionen kam; die aber verstanden die Kinder unter sich sehr schnell unter Kontrolle zu bringen - was mit Drohgebärden begann, endete schnell mit Lachen. Auch körperlich ging es ihnen offenbar sehr gut: Buschleute waren im Schnitt wesentlich gesünder als etwa wir Mitteleuropäer. Ihr ansteckendes Lachen entblößte ein strahlend weißes Gebiss ohne Karies (geschweige denn Zahnersatz). Und wenn sie nicht schon als Kind aufgrund schwererer Verletzungen, durch Raubtiere oder Vergiftung mit wilden Pflanzen ums Leben gekommen waren, so wurden sie genauso alt wie wir, aber unter weit erfreulicheren Umständen; denn:
Bei uns stirbt wenigstens jeder zweite an Herz-/Kreislauferkrankungen (sog. degenerativen Erkrankungen), jeder dritte an Krebs - oft unter schrecklichen Umständen und auf Raten. Mehr als 10% leiden an nicht behandelbaren, oft kaum erträglichen Schmerzsymptomen, ein Großteil an (wiederum) degenerativen Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates. Wir sind Stress-geplagt und haben nie genug Zeit - weder für uns selbst noch für unsere Familien etc.

Bei uns hier im Donauraum liegt die Steinzeit im Durchschnitt 4000 bis 10 000 Jahre zurück. Haben wir in der Zwischenzeit etwas Grundlegendes falsch gemacht, dass wir unter dem Strich so schlecht abschneiden?

Und was haben wir an kulturellen Errungenschaften entgegenzusetzen? Die Ungleichheit von Mann und Frau (die es in der Steinzeit so nie gab!)? Wohlstand auf Kosten anderer? Unsere Zivilisationskrankheiten?

Was haben wir also in den letzten 4 bis 10tausend Jahren falsch gemacht?
Die westliche (Schul-)Medizin mit ihren großartigen Erfolgen bei der Bekämpfung der Infektionskrankheiten, in Chirurgie und Diagnostik hat in puncto Krebs und all den anderen degenerativen Erkrankungen weitgehend versagt oder anders ausgedrückt: sie hat es zwar geschafft, unserem Leben statistisch gesehen "mehr Jahre" zu geben, aber nicht, diesen Jahren auch "mehr Leben" zu schenken, mehr Lebensqualität. Alternative Therapien (Homöopathie, Phytotherapie etc.) sind im Vormarsch, die Traditionelle Chinesische Medizin wird mehr und mehr anerkannt und einbezogen.

Andererseits hat die Ethnobiologie übereinstimmend die erschütternde Erkenntnis ans Licht gefördert, daß Jahrtausende altes Wissen unwiderruflich verloren geht: die noch wenigen "steinzeitlich" lebenden Jäger-/Sammler-Populationen stellen wandelnde Lexika dar mit - je nach Stamm - präziser Kenntnis von 1000 und mehr Pflanzen und Tieren, deren Art und Verhalten, Vorkommen, Verwendungszweck usw., ein Wissen, das mit diesen Menschen auszusterben droht, da sie keine Schrift kennen, während wir Supermarkt-programmierten Großstadtmenschen das glauben, was uns Werbung sagt, ein Gänseblümchen indessen nicht mehr mit Sicherheit zu erkennen vermögen, wenn es nicht gerade blüht, geschweige denn wissen, wie wertvoll es für unsere Gesundheit sein könnte (unsere germanischen Vorfahren haben das offenbar noch sehr genau gewusst - wie in alten Kräuterbüchern nachzulesen ist).

Haben wir also etwas Wesentliches vergessen? Und was?
Trotz unseres enormen Wissens auf molekularbiologischem Gebiet, in der Genetik, hinsichtlich mehr als 30 000 beschriebener Krankheiten, wissen wir offenbar weit weniger gut für unsere Gesundheit zu sorgen als der Kalahari-Buschmann!

Haben wir also auch nichts dazu gelernt?
Fragte man N!xau (stellvertretend), was er sich wünsche oder bräuchte, so würde er sagen: Nichts! Ich lebe im Überfluss! Überall (wir Europäer würden sie in dieser trockenen Steppe nicht einmal sehen!) wachsen (mehr als 85!) Pflanzen in reichlicher Fülle, wozu also irgendwelche Arbeit investieren und etwas anbauen? Die Cola-Flasche (im Film), die ein achtloser Buschpilot aus seinem Flugzeug geworfen hatte, versucht er als "Ursache allen Übels" schließlich wieder zu den Göttern zurückzubringen.

Sind also wirklich die Götter verrückt? Oder haben vielleicht wir Menschen diese unsere Welt immer mehr ver-rückt?

Essen wie die "armen Leute" – oder "raffiniert"?

Wir brauchen nur wenige Jahrhunderte in unserer eigenen Geschichte zurückzuschauen, als Adel, Feudalherren und wohlhabendes Bürgertum verächtlich auf die Bauern herabsahen, die sich von "Wurzeln" ernährten. Damals wurde die Kohldistel, ein sehr schmackhaftes Wildgemüse, zum Arme-Leute-Essen deklassiert, während man sich selbst teure exotische Früchte und Gewürze geleistet hat, später dann raffinierten ("weißen") Zucker oder weißes Mehl, die beide in ihren Herstellungsprozessen damals viel zu aufwendig und teuer waren, als dass sich einfache Leute solche Nahrungsmittel hätten leisten können.

Zwar sind raffinierte Zucker, Mehlsorten, Öle und Fette inzwischen zum Inbegriff wertloser Nahrungsmittel geworden. Trotzdem werden sie heute von der Masse gekauft, weil sie billig sind, während man sich das, was einst selbstverständlich war, nämlich "Bio"-Produkte, wieder etwas kosten lässt (lassen muß!). Und der Geißfuß, das alte "Gichtkraut", der unausrottbare "Todfeind" des Gärtners, wird nun wieder in Gourmet-Restaurants als teure Delikatesse angeboten und - zumindest in Deutschland - bereits feldmäßig "kultiviert", um die Nachfrage betuchter Feinschmecker stillen zu können. Brennnessel und Löwenzahn werden in Japan und den USA als Feinschmeckerkonserven in Delikatessenläden für teures Geld angeboten usw. Was einst der Arme aß, ißt heute der Reiche, und was sich einst nur Reiche leisten konnten, damit geben sich heute die Ärmeren zufrieden! Ist das nicht alles sehr ver-rückt?
Dr. Günter Nöll, 14.5.2007
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  • Dr Günter Nöll, Neulengbach

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