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Brennnessel und Holunder 30.5.2007

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Brennnessel und Holunder 30.5.2007

Die große Brennnessel (Urtica urens) ist zweihäusig, d.h. es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Beide sind gleichermaßen verwendbar (1-3).
Während man die Blüten des Holunders ohne weiteres essen kann, sind selbst die reifen Beeren im rohen Zustand leicht giftig (4-6).
Am Mi 30.05.2007

Zwei uralte Begleiter menschlicher Zivilisation

Auf den ersten Blick scheinen kaum größere Gegensätze denkbar als zwischen diesen beiden Pflanzen: die Brennnessel ein eher unscheinbares, schmuckloses Kraut, der Holunder hingegen ein bis zu 10 m hoch aufragender Strauch oder Baum, im Mai/Juni übersät mit weißen Blütendolden, die einen betörenden Duft verströmen, im Herbst schwer beladen mit schwarz-violetten Steinfrüchten. Und dennoch, sie haben sehr vieles gemeinsam!

Steinzeitliche Funde

Seit Urzeiten begleiten sie den Menschen durch seine Geschichte: man hat gekochte Holundersteinfrüchte bei steinzeitlichen Wohnplätzen in der Schweiz gefunden; die Kelten verwendeten Holunderzweige offenbar bei ihren Beerdigungsritualen – während der griechische Naturphilosoph Phanias der Brennnessel bereits vor zweitausend Jahren ein ganzes Buch widmete. Und schon immer erfüllten beide Pflanzen auch eine wichtige Schutzfunktion für den Menschen. Zum einen Schutz nach außen: in der germanischen Mythologie war die Brennnessel ein Symbol des Gottes Donar, des Donner-Gottes, weshalb sie in manchen Gegenden wohl auch noch Donnernessel genannt wird. In einigen Alpengegenden legt die Bäuerin beim ersten Donnergrollen einen Busch Brennnessel ins Herdfeuer, um den Hof vor Blitzschlag zu bewahren. Weil ein Holunderstrauch am Haus bzw. im Garten in gleicher Weise vor Blitzschlag schützen soll wie gegen Hexerei und böse Verwünschungen, scheut man sich in manchen Gegenden immer noch, einen solchen Strauch mit der Axt umzuhauen, da dies für den Frevler den sicheren Tod bedeuten würde.

Gleichermaßen vertrauten die Menschen beiden Pflanzen auch den Schutz nach "innen" an – als "Heil"-Mittel für ihren Körper (sie sollten ihn wieder "heil", also ganz machen!). Und sie taten recht daran! Denn gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten konnten die heilsamen Wirkungen von Brennnessel und Holunder wissenschaftlich belegt und – zumindest teilweise – auch verstanden werden. Und auch in dieser Hinsicht gibt es einige bemerkenswerte Parallelen.

Vorzüge der Brennessel

Sie ist die proteinreichste Blattpflanze unserer Breiten (40 % Trockengewicht!) und enthält zudem alle Aminosäuren in sehr ausgewogener Zusammensetzung, insbesondere auch die so genannten "essenziellen", also solche Aminosäuren, die unser Körper selbst nicht herstellen kann. An weiteren wertvollen und wirksamen Inhaltsstoffen sind hervorzuheben: diverse organische Säuren (Ameisen-, Essig-, Gallensäure etc.), Histamin und Acetylcholin. Letztere wirken (kapillar)gefäßerweiternd und sind auch für das "Brennen" der Nessel verantwortlich. Tatsächlich handelt es sich dabei sogar um körpereigene Stoffe, die lediglich an der "falschen" Stelle zu vorübergehenden allergischen Reaktionen führen. Bedeutend sind die Flavonoide, Serotonin (ein Nerven-Überträgerstoff), Gerbstoffe (lindernd bei entzündeten Schleimhäuten) und Phytosterole mit (sexual-)hormonähnlichen Eigenschaften. Weiters enthält die Brennessel große Mengen an Chlorophyll, das antibakteriell wirkt und in seiner chemischen Grundstruktur unserem Blutfarbstoff "Hämoglobin" sehr ähnlich ist: statt des Eisenatoms hat es Magnesium eingebaut, das in dieser Form besonders gut verwertbar ist. Außerdem ist die Brennnessel sehr reich an Vitamin C, aber auch an Vitamin A und an B-Vitaminen sowie an Mineralstoffen, insbesondere an Eisen, Kalium, Kalzium, Silizium und Mangan.

Heilwirkungen der Brennnessel

Folgende Wirkungen resultieren aus dem Zusammenspiel dieser Inhaltsstoffe und seien – neben zahlreichen anderen – hier besonders hervorgehoben: Prävention und Linderung "degenerativer" Erkrankungen (Gicht, Arthrose, bestimmte rheumatische Erkrankungen), von Blutarmut, Kreislaufproblemen und Verdauungsbeschwerden. Es gibt kaum eine andere Pflanze, die in ähnlicher Weise die sekretorischen Tätigkeiten von Magen, Bauchspeicheldrüse, Galle oder Dünndarm stimuliert. Sie bringt somit den Stoffwechsel in Schwung und reinigt damit auch Darm, Blut und Gewebe – oft liegen ja gerade in einem gestörten Stoffwechsel die Ursachen für die genannten Krankheiten.

Weiterhin ist die Brennessel angezeigt bei (wiederkehrenden) Harnwegsinfektionen und Magengeschwüren. Aufgrund ihres hohen Silizium- und Kalziumgehalts vermag sie Osteoporose vorzubeugen. Sie regt bei stillenden Müttern die Tätigkeit der Milchdrüsen an und lindert klimakterische Beschwerden wie Hitzewallungen, Kopfschmerzen, Libidoverlust. Dafür verantwortlich zeichnen u. a. die erwähnten Phytosterine, die übrigens auch in den männlichen Sexualhormon-Haushalt wirkungsvoll und heilsam einzugreifen vermögen. Aus der Brennnesselwurzel hergestellte Kalt- und Heißauszüge sind zufolge neueren groß angelegten Studien in der Lage, bis zu 70% aller gutartigen Prostatawucherungen zur Rückbildung, vielfach gar zum völligen Verschwinden zu bringen. Damit bestätigt auch die moderne Naturwissenschaft der Brennnessel Eigenschaften, die ihr bereits die alten Römer zugesprochen haben, nämlich ein probates Aphrodisiakum zu sein (besonders die Früchte).

Anregende Brennessel

Römische Legionäre pflegten sich früh morgens gegenseitig mit Brennnesseln zu geißeln, um ihren Kreislauf anzuregen (gefäßerweiternd und das Nervensystem stimulierend). Die reichen Senatoren hingegen ließen dies abends von ihren Sklaven "besorgen", bevor sie sich ausschweifenden Gelagen hingaben. Gerade deshalb war die Brennnessel bei Klosterbrüdern selbstverständlich verpönt, die sich im übrigen in ihren Klostergärten um die Kultur von Heilpflanzen sehr verdient gemacht haben. Aus diesen Gärten wurde die Brennnessel geradezu verbannt, womit sich die Mönche allerdings ein "Eigentor" schossen: es zeigte sich, dass die enge Nachbarschaft von Brennesseln und Heilkräutern im Pflanzbeet den Gehalt an ätherischen Ölen bei den Heilpflanzen signifikant steigern konnte.

Holunderblätter und -steinfrüchte

Nun aber zum Holunder und zunächst wieder zu seinen Inhaltsstoffen: In den Blüten sind wieder zahlreiche Flavonoide enthalten, ätherische Öle sorgen für den intensiven Geruch, dazu Gerbstoffe und Pflanzenschleime sowie schweißtreibende Glykoside. In anderer Zusammensetzung und Konzentration gilt dies auch für Blätter und Rinde. In den Steinfrüchten finden sich reichlich Vitamine (A, C sowie einige aus der B-Gruppe, insbesondere das Thiamin) und in besonders hoher Konzentration Mineralstoffe wie Eisen, Kalium und Kalzium. Die intensive Farbe der Steinfrüchte deutet auf Anthocyane hin, die ihrerseits hervorragende Antioxidanzien darstellen.

Holunder ein typisches "Brustmittel"

Gerade die Pflanzenschleime sind vereinfacht ausgedrückt gut für die Schleimhäute, insbesondere auch für jene in den Bronchien. Sie lindern den Hustenreiz und fördern das Expektorieren (Aushusten von Schleim). Das Trinken von Holunderblütentee bei fieberhaften Erkältungen und bei Grippe ist wohl die bekannteste Anwendung – und das nicht nur zur Behandlung, sondern auch zur Vorbeugung! Ähnlich wie Lindenblütentee scheint auch er das Immunsystem gegen potenzielle Erreger zu mobilisieren – das konnte sogar in Placebo-kontrollierten Doppelblindstudien nachgewiesen werden: die Krankheitsdauer wurde in über 90% der Fälle auf weniger als die Hälfte (gegenüber dem Placebo) reduziert. Insbesondere bei den Früchten ließen sich zwei einander ergänzende Effekte speziell gegenüber Influenza B-Viren feststellen (vermutlich auch gegen Influenza A, was aber noch nicht genauer untersucht wurde): einerseits die erwähnte Stärkung der körpereigenen Abwehr, die sich deutlich in höheren Antikörper-Titern ausdrückte, andererseits eine Neuraminidase-Hemmung, die Grippe-Viren sozusagen an ihrer Achillesferse trifft. Dies erscheint mir deshalb besonders erwähnenswert, weil die Pharmaindustrie Unsummen investiert, um eben solche Neuraminidase-Hemmer in Arzneiform zu entwickeln – wobei diesen dann allerdings immer noch die immunstimulierende Wirkung des Holunders fehlt!

Übrigens: auch TAMIFLU ist ein Neuraminidase-Hemmer, der ursprünglich aus einer Pflanzenfrucht gewonnen wurde: aus dem in China und Südostasien beheimateten Sternanis.

Blutreinigender Holunder

Die erwähnten Pflanzenschleime sind aber neben den übrigen Inhaltsstoffen offenbar auch gut für die Darm-Schleimhäute; denn Holunderblütentee regt auch die Darmtätigkeit an, wirkt harntreibend und führt, kurmäßig genommen, ebenfalls wieder zu einer effizienten Blutreinigung (insbesondere auch bei Hautunreinigkeiten zu empfehlen – vermutlich setzt man ihn aus eben diesem Grunde auch gegen Zellulitis ein). Damit bietet sich dieser Tee auch zur Behandlung von rheumatischen Erkrankungen und von Gicht an. Dem Tee aus Holunderblüten sagt man sogar nach, er könne bis zu einem gewissen Grad "Steine" (Nierensteine) auflösen. Interessanterweise regt auch er die Tätigkeit der Milchdrüsen an.

Vor allem die im Frühling frisch getriebenen Blätter und die grüne "zweite" Rinde (unterhalb der dünnen, eher papierenen grauen Außenrinde und dem hellen Holz aufliegend) bringen die genannten Wirkungen teilweise sogar noch intensiver hervor und zeigen einen leicht abführenden Effekt. Schon Albertus Magnus, der kräuterbegeisterte Bischof von Regensburg, hatte dies Anfang des 13. Jahrhunderts sehr genau beschrieben: Rinde, die man von oben nach unten abschabe, zeige abführende Wirkung, schabe man dagegen in umgekehrter Richtung, so führe das sogar zu Erbrechen, und fügt noch hinzu: " ... dies ist schon des öfteren erprobt worden!"

Lateinisch heißt der Schwarze Holunder Sambucus nigra, wobei sich diese Bezeichnung aus dem griechischen Wort Sambykä für "hohler Ast" ableitet: aus hinreichend dicken Holunderzweigen wurden nach Entfernen des schwammartig-zähen weißen Marks Flöten hergestellt, insbesondere die berühmten Pan-Flöten (später allgemeine Bezeichnung für Musikinstrumente mit hohlem Resonanzkörper!).

Holunderbeeren - kein Rohgenuss!

Auch die Holundersteinfrüchte wirken leicht abführend und harntreibend (hoher Kalium-Gehalt). Man sollte sie allerdings nicht roh essen: die kleinen Kerne in ihrem Inneren enthalten giftige Substanzen, die, im Übermaß genossen, Erbrechen und grippeähnliche Symptome hervorrufen können. Diese Wirkung wird allerdings durch kurzes Aufkochen der Steinfrüchte schnell zerstört, etwa dann, wenn man Holundergelee herstellt. Besonders aromatische Marmeladen gewinnt man, wenn man die Holundersteinfrüchte 1:1 mit Äpfeln oder Zwetschken mischt. Man kann die Steinfrüchte auch trocknen und im Winter als "Grippemittel" kauen.

Noch vieles wäre über Holunder und Brennnessel zu berichten, doch ich will abschließend beide Pflanzen lieber noch zu einem köstlichen Gericht vereinen – nach einem Rezept, das ich Francois Couplan verdanke, dem es vor vielen Jahren gelungen war, mich für Wildpflanzen vor allem aus kulinarischer Sicht zu begeistern: "Brennessel-Ravioli in Holunderblüten-Soße". Es befindet sich in der Rubrik "Rezepte"!
Dr. Günter Nöll, 30.5.2007
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