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NEIN zum globalen "Großen Fressen"! 16.8.2007

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NEIN zum globalen "Großen Fressen"! 16.8.2007

Im NEW SCIENTIST fand ich einen Artikel von Ian Roberts, den ich nachfolgend ins Deutsche übersetzt habe. Er beleuchtet die globale Fettsucht-Pandemie aus einer eher ungewöhnlichen, aber nicht minder überdenkenswerten Perspektive. Nach Ian Roberts besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dieser Fettsucht-Epidemie, die derzeit über unseren Globus hinwegfegt, und der zunehmenden Erderwärmung.

Prof. Ian Roberts ist Lehrstuhlinhaber für Gesundheitswesen an der London School für Hygiene und Tropenmedizin.
Am Do 16.08.2007


"Wir wissen, dass sich unsere Erde erwärmt. Und wir wissen auch, dass wir dies selbst verursachen. Das eigentliche Kopfzerbrechen fängt allerdings genau dann an, wenn wir den Versuch unternehmen, eine Vorhersage darüber zu treffen, wie warm oder gar heiss es denn nun wirklich werden wird. Das liegt u.a. daran, dass dieser Klimawandel von vielen subtilen Einflüssen herrührt, die zum einen in der Umwelt selbst begründet sind, dann aber auch in unserem eigenen Lebensstil.

Ein Faktor, der hier eine wichtige Rolle spielt, ist das Phänomen der Rückkopplung, durch das die Erwärmung beschleunigt werden könnte. Sobald beispielsweise das Super-Treibhausgas Methan erst einmal aus den sich erwärmenden Ozeanen oder den Permafrostgebieten auf der nördlichen Halbkugel freigesetzt wird, könnte der globale Thermostat markant nach oben schnellen. Ähnliches gilt für das Verschwinden der von Schnee oder Eis bedeckten Flächen. Aus diesem Grund behalten Forscher die Meere und Eiskappen, Wälder und Tundren genau im Auge, um verdächtige Anzeichen schnell zu erkennen.

Nun aber zu einem Kapitel, das als Mitverursacher der Erderwärmung doch wohl eher nicht in Frage kommen sollte: die globale Fettsucht-Epidemie. Üblicherweise halten wir die Fettsucht eher für ein gesundheitliches Problem. Doch viele ihrer eigentlichen Ursachen decken sich mit denen der Erderwärmung. Unsere Abhängigkeit vom Auto oder all die technischen Geräte, die uns die Arbeit erleichtern, haben zur Konsequenz, dass sie den Energie-Umsatz jedes einzelnen von uns drastisch reduzieren - unser Körper braucht heutzutage einfach weit weniger Energie als früher! Gleichzeitig lassen sie aber unseren Verbrauch an fossilen Treibstoffen immer weiter in die Höhe schnellen. Es ist kein Zufall, dass jenes Land, in dem es prozentual die meisten Fettsüchtigen gibt, dasselbe ist, das alle anderen Nationen an pro Kopf erzeugtem Kohlendioxid bei weitem übertrifft: die USA.

Und es wird in der Tat immer deutlicher, dass übergewichtige Menschen unser Klima ganz direkt beeinflussen. Und zwar geschieht dies über den Lebensstil und die Menge und Art der Nahrung, die sie zu sich nehmen. Und je schlimmer sich die Fettsucht-Epidemie entwickeln wird, umso gravierender werden ihre Auswirkungen auf das Klima sein.

Ein Grund ist der, dass fettleibige Menschen mehr essen, und zwar nehmen sie um etwa 40% mehr Kalorien zu sich als ihre schlanken Zeitgenossen. Da aber die Nahrungsmittelproduktion für mehr als 20% der gesamten Treibhausgas-Emission verantwortlich ist - das ist mehr als das Transportwesen verursacht oder die Industrie - hinterlässt eine übergewichtige Bevölkerung einen signifikant größeren Kohlenstoff-"Fußabdruck" (carbon footprint - ein Maß für die Umweltbelastung durch die erzeugten Treibhausgase) als eine normalgewichtige.

Fett und raffinierter Zucker, die in der Nahrung dicker Menschen überwiegen, sind besonders Kohlenstoff-intensiv. Mehr Nahrungsverbrauch bedeutet auch dementsprechend mehr an Ausscheidungen, die bei ihrer Zersetzung Methan freisetzen.

Die jederzeitige Verfügbarkeit von Nahrung ist ein relativ modernes Problem. Es entstand zum Teil durch die Revolutionierung des Ackerbaus ab etwa 1940. Vorher war die Menge an Nahrung, die auf einer bestimmten Fläche Landes erwirtschaftet werden konnte, durch die natürlicherweise im Boden vorhandenen Nährstoffe und das verfügbare Wasser begrenzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Düngemittel, Pestizide, künstliche Bewässerung und Mechanisierung der Landwirtschaft - sie alle hängen ausschließlich vom Erdöl ab - den Ernteertrag dramatisch gesteigert.

Der Physiker Albert Bartlett hat es so formuliert: "Moderne Landwirtschaft ist nichts anderes als Land dafür zu benutzen, Erdöl in Nahrung zu verwandeln!"

Verbunden mit unserer vorwiegend sitzenden Lebensweise hat diese leichte Verfügbarkeit von Nahrung dazu beigetragen, die Zahl übergewichtiger Erwachsener in den vergangenen 25 Jahren weltweit auf das Vierfache anwachsen zu lassen.

Nachfrage nach und der Verbrauch an Nahrungsmitteln sind nicht allein dafür verantwortlich, dass Fettsucht schlimme Konsequenzen für das Klima hat. Was geschieht denn, wenn jemand in die Fettleibigkeit abdriftet? Vermutlich wird sich der Betreffende (natürlich gilt das genauso auch für Frauen!) dazu entscheiden, den knappen Kilometer zum Büro morgens nicht mehr zu Fuß zurückzulegen, sondern das Auto zu nehmen, auch wenn er so lediglich ein paar Minuten an Zeit gewinnen wird. Ein Jahr später wird er so vielleicht ein Kilogramm an Fett zugelegt haben. Und in dem Maße, wie sich die Pfunde ansammeln, wird es für ihn immer schwerer werden, sich zu bewegen, und er wird es immer mehr leid sein, überhaupt noch irgendwohin zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Und dann beginnen die gesundheitlichen Probleme: Rückenschmerzen, Gelenksarthrose, Kurzatmigkeit oder noch Schlimmeres. Übergewicht erhöht das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle, Diabetes, Osteoarthritis, Unfruchtbarkeit, Gallensteine und verschiedene Arten von Krebs.

Inzwischen wird ihm auch sein Selbstwertgefühl zu schaffen machen mit der Folge, dass er sich seinen Frust durch noch mehr Essen weg zu kompensieren versucht und dann vielleicht auch noch zu trinken anfängt. Er wird auch eine Erhöhung seiner Stromrechnung konstatieren: seine größere Masse und der dadurch erhöhte Stoffwechsel werden dazu führen, dass er die Hitze in den global wärmer werdenden Sommern deutlicher spürt, und er wird somit der erste sein, der energieschluckende Klimaanlagen einschaltet.

Das Ergebnis: noch höherer Verzehr von Nahrungsmitteln; noch öfter mit dem Auto fahren und zunehmend häufigere Beanspruchung ärztlicher Hilfe - all das letztlich verbunden mit einem entsprechend höheren Energieverbrauch. Und in dem Maße, wie die Zahl dicker Menschen zunimmt, wird eine positive Rückkopplungsspirale in Gang gesetzt: fettleibige Menschen in den USA werfen inzwischen ihr Gewicht auf die politische Waage! Die "Amerikanische Fettleibigen-Vereinigung" bemüht sich darum, "politische Entscheidungen entsprechend zu beeinflussen und die Akzeptanz der Fettsucht zu fördern". Es wird nicht mehr lange dauern und man wird energiefressende Aufzüge, rollende Gehsteige (wie auf Flughäfen) und motorisierte Fortbewegungshilfen fordern. Das mit Fettsucht verbundene soziale Stigma ist eine der wenigen Kräfte, die dieser Epidemie ein klein wenig entgegen wirken - obwohl gerade Fettsucht nicht etwa ein persönliches Versagen darstellt, sondern ein Problem unserer Gesellschaft ist. Wir leben in einer Welt und Umwelt, die in erster Linie den finanziellen Interessen jener wenigen großen, weltweit agierenden Konzerne dient, die Nahrungsmittel, Autos und Erdöl verkaufen!

Der "Stern"-Bericht zu den ökonomischen Folgen des Klima-Wandels - er wurde im Oktober 2006 von der britischen Regierung veröffentlicht - warnt vor den düsteren Konsequenzen, die das Beibehalten unserer bisherigen Einstellungen ("business as usual"!) auf die Treibhausgase hat. Dasselbe gilt für die Fettsucht-Epidemie, die aus dem Ruder zu laufen droht. Pandemische Fettsucht gleicht einem Energie-Strudel. Es ist Zeit, sie als die globale Umwelt-Katastrophe zu sehen und zu behandeln, die sie tatsächlich ist!"

Und jetzt im Anschluss gleich eine Leserzuschrift zu diesem Artikel, die ich allerdings im englischen Original belassen habe:

"Wealth destruction

Victoria Hurth, Exeter, Devon, UK, Peter Wells

Fat is a climate change issue, Ian Roberts writes (30 June, p 21). But there is a bigger question over the rich. Usually, talk about wealth and sustainability deals with north-south divides, with rich and poor nations. This grand categorisation obscures the large and growing disparities in wealth within countries and the pan-national, multi-location character of the reinvented and expanding jet-set classes, whose consumption decisions disproportionately affect the environmental future of all populations.

The world's wealthiest people are a rather elusive group, despite their popularisation in published "rich lists". Below them, a much larger and growing cohort of high-net-worth individuals (HNWIs) has emerged - those with assets of over $1 million, excluding their primary home.

In 2005-2006 the number of HNWIs grew by 8.3 per cent to around 9.5 million worldwide and their combined purchasing power grew 11.4 per cent to $37.2 trillion - an average of $4 million each. Though the majority come from traditionally wealthy countries, the highest growth rates are in places such as India, South Korea, China and Russia - where wealth inequalities are also stark.

As wealth and income increase so the consumption of carbon-intensive products such as meat and gas-guzzling cars rises. The wealthy are more likely to take carbon-heavy private jets and to fly more in general, when most of the world's population have no possibility of flying at all. But carbon emissions are only part of the environmental problems associated with concentrated wealth. For example, the wealthy can afford the astronomical prices of products derived from rare species, helping to drive them to extinction. Criticising wealth, its increasingly uneven distribution and consumerism is one of the great taboos of modern society, but given the scale of the environmental crisis we face, it has become an imperative.

It is surprising how little we know about the environmental cost of today's wealthy lifestyles or how sustainable affluent lifestyles might be created, but we can safely say that targeting the consumption and lifestyle habits of these relatively few individuals will bring the largest benefits in terms of progress towards sustainability and social justice.

School of Business and Economics, University of Exeter BRASS, Cardiff University"
Dr. Günter Nöll, 16.8.2007
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Offenlegung:

  • Dr Günter Nöll, Neulengbach

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